Goldschätzchen, stell Dir doch einmal vor, der Krieg sei aus

Feldpost - Briefe des Soldaten Lothar Gruber
1942-1944

Eine Auswahl in Auszügen
Dritter Jahrgang
September 1944

316.
Lettland, 1. September 1944
Meine über alles geliebte herzensgute Frau!
Heute hat nun das sechste Kriegsjahr begonnen und wir wollen hoffen, dass dies das letzte ist und dass es uns den endgültigen Sieg bringen wird. Ja, mein Lieb­ling, wer hätte jemals gedacht, dass es so furchtbar lange dauert und dass der Kampf so schreckliche Formen annimmt. Aber ich glaube fest daran, dass uns das Kriegsglück hold ist und dass wir ihn bald gut und siegreich überstanden haben. Ich weiss, alles wartet auf eine Wendung u. es dauert jedem zu lange. Aber die Zeit kommt u. dann wird erst eine schöne, grosse und glückliche Zeit für uns anbre­chen.
Ach mein liebstes Goldschätzchen, stell Dir doch einmal vor, der Krieg sei aus. So langsam fallen die Marken weg. Es brennt überall wieder Licht, keine Flieger mehr, vor denen man sich verkriechen muss, keine Verdunklung. Überall wird auf­gebaut und dann das Wichtigste, ich darf immer bei Dir sein! Ach mein herzaller­liebstes Goldschätzchen, das muss doch herrlich werden. Wenn wir dann mal eine eigene Wohnung oder ein Häuschen haben , schön eingerichtet mit einem kleinen Garten! Das muss ja bald der Himmel auf Erden sein. Meinst Du nicht auch mein liebes , süsses, gutes, schönes, herziges, entzückendes, bezauberndes Schätzele, dass wir dann restlos glücklich sind?! Der liebe Gott wird uns ganz bestimmt immer beistehen und dazu verhelfen. Wir dürfen nur nie vergessen, unser Leben danach zu richten. Wenn wir immer in gläubigem Vertrauen zu ihm aufschauen, dann wird er uns auch immer beistehen und seine gütige Hand schützend über uns halten. Ach mein Liebling, ich freue mich ja schon so sehr auf diese Zeit und ich kann es kaum mehr erwarten, bis es endlich so weit ist. Wenn wir nur wenigigstens ein we­nig öfter beisammen sein dürften und wenn es nur alle Viertel Jahr eine Woche wä­re. So würde uns doch das Warten nicht so schwer fallen. Aber wir wollen nicht mit unserem Schicksal hadern, denn so wird es dann nachher um so schöner. Dann geht uns auch die Sonne des Glückes und des Friedens nicht mehr unter.
Mein liebstes Goldschätzchen, von hier ist eigentlich nicht viel zu sagen. Es geht mir ganz gut und fehlen tut mir eigentlich nur mein über alles geliebtes süsses Fraule. Aber das kann ich ja hier nicht gebrauchen. Das wäre nun doch etwas zu gefährlich für so etwas kostbares. Ja, Du kannst es mir ruhig glauben,, so etwas wie Dich gibt es nur einmal auf der Welt und nicht einen einzigen gleichwertigen Er­satz. Na ich kann mir ja vorstellen, dass Du jetzt wieder lachst und denkst; oh der Schmeichler. Da bist Du aber im Irrtum! Es hat sich ausgeschmeichelt und das ist mein voller Ernst. Und wenn Du es nicht glaubst und sagst es sei nicht wahr. Nun gut, mir macht das nichts aus, für mich bleibst Du doch der liebste, beste, schönste und kostbarste Besitz. Damit musst Du Dich schon abfinden, Du liebes süsses Goldschätzle. Aber gestehe es ja nicht ein, sonst bilde ich mir noch weiss was darauf ein.
Ja, und da wollte ich Dir noch sagen wie es hier ist. Im Allgemeinen ziemlich ruhig. Der Iwan hat sich hier anständig die Finger verbrannt u. das verdaut er nur langsam u. schwer. Sonst ist es trübe, was das Wetter betrifft. Es gibt jetzt wieder viel Regen. Bis jetzt stört er mich aber nicht. Am tage sitze ich hier im Hause u. nachts im Bunker. So ab u. zu gehe ich durch die Stellung um zu sehen, wie es mei­nen Leuten geht.
Und wie geht es denn der jungen Frau Gruber? Ich wünsche Dir ja nur das al­ler Beste und hoffe, dass wenigstens ein Teil meiner Wünsche in Erfüllung geht. Wie sieht es denn mit der Post aus, bekommst Du sie immer regelmässig? Hast Du eigentlich seit dem Urlaub alle Briefe bekommen, oder fehlen welche? Das könnte ja schon sein. Hast Du das Päckchen erhalten, das ich am 2.7. weggeschickt habe?
Und nun mein herzallerliebstes Goldschätzchen sei für heute viel tausend Mal von ganzem Herzen recht lieb gegrüsst u. innigst geküsst
von Deinem treuen Gatten

317.
Lettland, 2. September 1944
Meine herzallerliebste H...!
Heute erhielt ich 6 Zeitungen von Dir, wofür ich Dir von ganzem Herzen dan­ke. Ach meine liebste H..., was habt Ihr doch da wieder durchmachen müssen. Das müssen ja ganz anständige Angriffe gewesen sein vom 24.-29. Juli. Ach ich bin ja so froh, dass Dir nichts passiert ist. Hoffentlich bleibt das auch weiterhin so. Ich habe ja von dieser Zeit noch keine Nachricht von Dir, aber ich hoffe mal das Beste. Mein liebstes Goldschätzle, schreibe mir doch bitte einmal, wie es in Stuttgart aussieht. Sonst erschrecke ich ja zu sehr, wenn ich mal wieder komme.
Wie geht es Dir denn, mein lieber süsser Goldschatz, bist Du immer gesund und munter? Hoffentlich kannst Du jetzt wieder alles essen und es schmeckt Dir wieder. Was macht denn unser kleiner Sprössling. Wenn es Dir nur nicht so viel zu schaffen macht. Ach mein über alles geliebtes Goldschätzchen, ich müsste jetzt halt für ein paar Tage bei Dir sein können, damit ich mich selbst davon überzeugen kann wie es Dir geht. Wenn ich nur einen Weg finden würde, um einige Tage zu Dir zu kommen. Aber da gibt es leider vorläufig nur einen Weg und der geht über das Rote Kreuz. Davon wollen wir aber lieber keinen Gebrauch machen, sondern lieber geduldig warten, bis der normale Weg wieder zu begehen ist. Hoffentlich dauert es aber nicht mehr so arg lang, sonst halte ich es vor Sehnsucht nach Dir nimmer aus.
Wie schaut es sonst aus, hast Du einen freien Mittag in der Woche und was machst Du Sonntags?
(DER REST DES BRIEFES FEHLT)



(Beglaubigte Abschrift)
Im Felde, den 15.9.1944
Sehr geehrte Frau Gruber!
Im Namen der Kompanie muss ich Ihnen die traurige Mitteilung machen, dass Ihr lieber Mann, unser guter Kamerad Lothar Gruber am 6.9.1944 bei Bahri/Lettland bei Mitau den Heldentod für sein Vaterland, seine Heimat und für unser Gross­deutschland gefunden hat.
Die Kompanie hat einen ihrer besten und bewährtesten Kämpfer verloren. Die Lücke bleibt, aber er wird immer mit der Kompanie mitmarschieren und mitkämp­fen als Vorbild, als Mahner zur Vergeltung und als Verpflichtung zum Sieg.
Wenn ich Ihnen voller Mitfühlen und Beileid im Geist die Hand drücke, so weiss ich, dass ich Ihren Schmerz wenig lindern kann. Der Opfertod tritt an uns Soldaten im Augenblick heran und lässt uns, wie auch Ihren Mann nicht unnötig leiden, während für die Angehörigen, vor allem für die Lebensgefährtin die Lücke für das ganze Leben bleibt und immer wieder das Weh fühlbar werden lässt. Und doch sollte Sie der Schmerz nicht übermannen. Sie haben das Höchste dem Vaterland geopfert, was Menschen dazubringen in der Lage sind. Mit Bedauern muss ich Ih­nen leider mitteilen, dass infolge eines Feindangriffs Ihr Mann nicht mehr gebor­gen werden konnte und wir ihn dem Gegner überlassen mussten.
In aufrichtigem Mitgefühl grüsse ich Sie
mit Heil Hitler
Ihr gez. Karl Fehl Ltn.